New Spaces for Art

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft durch den technologischen Fortschritt und die zunehmende Vernetzung dramatisch verändert. Das hat nicht nur massive Auswirkungen auf die globale Wirtschaft, sondern auch auf die Kunstwelt: Jede Kunstinstitution, ob Orchester oder Museum, muss sich fragen: Wie begegnen wir den Menschen heute? Sind wir bereit, die alten Bastionen und Denkschulen zu öffnen, um auf Menschen zuzugehen, uns zu erneuern, neue Zielgruppen zu erreichen und aktiv mit ihnen in den Dialog zu treten?
Kunst und Raum
Genau diese Themen haben Michael Keller schon immer beschäftigt. Das eine ist Kunst. Das andere ist der Raum, in dem Menschen Kunst begegnen: Muss Kunst immer im Museum sein? Müssen Räume für Kunst für die Ewigkeit gebaut werden? Wie können wir neue Räume für Kunst definieren, die einladender und offener für Besucher sind und Kunst für alle zugänglich machen? Gibt es andere Wege, Kunst zu verbreiten und zu vermitteln? Wir luden Gleichgesinnte zu einem Workshop im Schloss Herrenchiemsee ein. Am ersten Samstag im März wollten wir diese Fragen gemeinsam erkunden und diskutieren: „Neue Räume für die Kunst“.
Das Erlebnis annehmen
Wir wollten auch eine Gruppe von Teilnehmenden, die offen für dieses Experiment ist: Freunde, Weggefährten, Unterstützer. Einige wurden durch das MCBW Programm auf uns aufmerksam. Die Gruppe von 36 Menschen, die die Überfahrt über den See unternahm, hatte das Gefühl, dass dieses gemeinsame Erlebnis sie einander näherbrachte. Die Reise öffnete ihnen die Augen, mit einem atemberaubenden Blick auf die Berge und dem Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein.
„Unvollendete Kammern“
Die Räume, in denen wir uns trafen, verstärkten dieses Gefühl noch: Die „Unvollendeten Kammern“ im Schloss Herrenchiemsee sind normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Die unverputzten Backsteinwände der vier großen, miteinander verbundenen Räume wurden nie fertiggestellt. Solche Räume regen schon allein deshalb zu einem Gedankenexperiment an, weil sie keine vorgefertigte Form haben.
Genau das war die Idee hinter unserem Event: ein offenes Experiment.
Um der Diskussion etwas mehr Struktur zu geben, teilten wir uns in sechs Workshops auf, an denen jeweils sechs Teilnehmende beteiligt waren und die von einem Gastgeber moderiert wurden.
Räume erkunden
„Space of Time“, moderiert von Dr. Corinna Thierolf (Pinakothek der Moderne), befasste sich mit der zeitlichen Komponente des Kunstraums. Eine der Diskussionen konzentrierte sich auf die Eventkultur in der Kunstwelt: Wie können wir Themen interessant machen, ohne sie zu sehr zu einem Event zu machen? „Alle reden davon, Ruhe, Stille und Konzentration zu finden, muss man dafür in die Therapie gehen? Warum kann Kunst nicht in einer ruhigen, kontemplativen Weise betrachtet werden?“ oder „Wie viel Neues brauchen wir? Wer geht in Sammlungen, die immer dasselbe zeigen?“
In seinem Workshop mit dem Titel „The Real Space“ diskutierte Benjamin David von den Urbanauten darüber, wie Kunst den öffentlichen Raum für sich beanspruchen kann, wie etwa die Isarsteg-Brücke nahe der Wittelsbacher Brücke, die seit fast 50 Jahren nicht mehr genutzt wird.
In „Space of Learning“ erkundete Dr. Meike Zwingenberger (Amerikahaus) die Frage, wie Kunst auf unterschiedliche Weisen präsentiert werden kann: „Wir kennen exklusive, elitäre Räume für Kunst. Sozialisation ist notwendig, damit diese Strukturen als legitim empfunden werden.“ Mit anderen Worten: „Die Bildungsschichten posieren intellektuell.“
Julia Peglow, Bloggerin und Autorin für Blackspace, betrachtete die Orte, an denen Kunst entsteht, und fragte, ob diese für Kunstbegeisterte geöffnet werden könnten, ohne den kreativen Prozess oder die Privatsphäre des Künstlers zu stören.
Annette Josef, Künstlerische Direktorin der Münchner Symphoniker, diskutierte in ihrem Workshop „Space Money“ neue Finanzierungsformen für Kunst. Michael Keller, Initiator und Gastgeber des Events, untersuchte in seinem Workshop „Space of Content“ das Wechselspiel zwischen Kunst als Inhalt und dem Raum, in dem sie stattfindet. „GEH RAUS! TU ETWAS! Sei radikaler. Kommt zusammen. Habt Meinungen. Entwickelt eine Haltung. Schafft Bewusstsein.“ Und: „Es gibt nicht genug hungrige neue Talente, um eine Denkweise zu fördern, die auf offene Räume ausgerichtet ist.“
Reiche Inspirationsquelle
Obwohl sich diese Gruppen in diesen Konstellationen noch nie zuvor getroffen hatten, produzierte jeder der sechs Workshops intensive, offene Diskussionen, die von Thermodruckern auf jedem Workshop-Tisch auf Endlospapier festgehalten und ausgedruckt wurden und so dieses intellektuelle Rohmaterial für alle sichtbar machten.
Wir nehmen diese Ideen und dieses Rohmaterial von diesem besonderen Tag mit in unser Black Lab zur weiteren Verarbeitung. Außerdem verarbeiten wir das Video- und Tonmaterial zu einem Dokumentarfilm mit dem Titel „Neue Räume für die Kunst“. Weitere solche Events sind für die Zukunft geplant.
Im Mai werden diese Räume auch die vierte “Königsklasse«” Ausstellung der Pinakothek der Moderne beherbergen, eine temporäre Ausstellung, die von den International Patrons organisiert wird, deren Mitglieder Dr. Corinna Thierolf und Michael Keller sind.